Serie Kollektive Krankheiten:
Der Glaube an die eigene
Hilflosigkeit.
Mensch der Moderne und die Krankheit
Für alle Probleme gibt es in
unserer Gesellschaft Angebote, für jede Fragen Antworten. Es gibt vorgegebene
Wege für alle Eventualitäten, man weiß, wer ist für was zuständig, was tut
man wenn...Dies lernt man schon in der Jugend. Unsere Gesellschaft zeichnet sich
aus durch die Vielfalt der Angebote und Möglichkeiten. Im Allgemeinen haben
Menschen auch das Geld, das nötig ist, um ihr Bedürfnis zu befriedigen. Die
Freiheit der Wahl des Produkts, der Maßnahme, des Fachmanns, der
Beratungsstelle ist ebenso obligatorisch wie die Möglichkeit, die Ausbildung
und die berufliche Tätigkeit zu wählen. Genauso wie es 20 Joghurtsorten gibt, stehen 20 Möglichkeiten
zur Verfügung, wenn wir eine Krankheit haben. Es gibt eine Fülle neuer
wissenschaftlicher Erkenntnisse, Berater, Ernährungsmethoden, Medikamente, östliche
Methoden und Techniken. Über das Internet finden wir zu jedem Thema eine Menge
an Information.
Wir haben gelernt, dass, wenn
etwas nicht passt in unserem Leben, es Fachleute
und Mittel gibt, die die Störung beseitigen können. Und wenn dies nicht
gelingt, glaubt man, liegt es daran, dass man nur noch nicht den richtigen
Berater, Heiler, nicht das richtige Mittel gefunden hat. Die Märchen sind voll
von Geschichten der Suche nach dem Allheilmittel, der blauen Blume, dem goldenen
Apfel etc..
Und Behandler und Therapeuten
wetteifern miteinander darum, die bessere Methode oder Technik zu haben, mittels
derer sie die Beschwerden von Menschen beseitigen können.
Leider fällt dabei niemandem
auf, dass es die dahinterstehende Geisteshaltung ist, die oft eine wirkliche
Heilung verhindert. Der Glaube, Krankheit sei ein Unglück, das jeden treffen könne,
für die man selber nichts kann. Die Meinung, eine Krankheit könne einfach über
einen herfallen. Die Überzeugung, ein anderer könne Heilung erzeugen, die
Gesundheit wieder herstellen, ist der Motor des gesamten Gesundheitssystems.
Dabei ist zweitrangig, ob der Arzt konventionell oder alternativ
behandelt. Es geht immer um Behandlung, für die die Grundlage die Meinung des
Leidenden ist, der andere wisse mehr als er selber.
Wie aber kann ein anderer mehr
wissen über einen als man selber? Medikamente sind normalerweise pauschale
Mittel, nicht bezogen auf die jeweiligen Menschen und die individuelle
Situation.
Die eigentliche Krankheit ist
hier jedoch nicht der Infekt, die Kniebeschwerden, sondern die Unkenntnis der
Zusammenhänge. Die individuelle Geschichte und Lebenssituation, die
Lebensaufgabe, die gerade für diesen Menschen ansteht, ist wesentlich zum Verständnis
von Störungen, seien sie physischer oder psychischer Natur. Und verstehen kann
sich der Einzelne nur selber wirklich.
Der Grund von Krankheit im
Allgemeinen ist das Nichtzuhörenkönnen, das nicht Wahrnehmen, das Verleugnen
der eigenen Wahrheit. Auf diese Weise entstehen Symptome. Diese können sicher
durch Behandlung wie durch Medikamente gelindert werden, Schmerzen können betäubt
werden, der kranke Körperteil kann beseitigt werden, ersetzt. Hierbei handelt
es sich jedoch nicht um Heilung, denn eine wirkliche Änderung geschieht auf
diese Weise nicht.
Unsere Gesellschaft hat sich
dahingehend entwickelt, dass Menschen sich nicht mehr selber kennen, dass sie
die Zusammenhänge nicht mehr sehen. Der Körper spricht durch Beschwerden,
Symptome. Er gibt Signale auf das Verhalten des Menschen, reagiert auf
Lebensfragen, Situationen. Wenn der Einzelne schon sich selber nicht mehr
versteht, wie kann dann ein anderer Mensch ihn verstehen?
Es ist möglich, dass ein
anderer Mensch durch sein Wesen Verständnis und Harmonie ausstrahlt. Dies wirkt
dann positiv auf den Menschen, der mit seiner Krankheit zu ihm kommt. Beziehung
kann Mut machen, einen herausreißen aus seinen Alltagssorgen und helfen,
Abstand zu gewinnen. Auch ein Seminar kann diese Wirkung haben. Dann ist dies
eine Art Urlaub, Erholung. Ist der Mensch jedoch wieder mit sich allein in
seinen eigenen Bezügen, dann ist zunächst nichts anders als vorher. Es bräuchte
ein anderes Verhalten, eine andere Einstellung, um Situationen anders zu
begegnen oder sie zu ändern. So mancher braucht dann den Therapeuten/Heiler
immer wieder, ähnlich wie ein Medikament, das lindert, Stimmungen aufhellt,
harmonisiert. Er ist abhängig geworden. Der Therapeut/Heiler nimmt ihm jedes
Mal seine Last ab, die er sich in der Zwischenzeit angesammelt hat, aber es
geschieht keine grundsätzliche Änderung.
Der Kranke ist sich selber
fremd. Er versteht sich selber nicht, kann sich nicht zuhören, kann nicht auf
sich eingehen. Dazu braucht er den anderen, den Heiler. Dazu braucht er Mittel,
Techniken, Dabei entfernt ihn dies alles nur noch mehr von sich......denn
eigentlich ist schon alles da, war schon immer da: Die Situation, die Reaktion
seines Körpers, seine Einstellungen, seine Überzeugung und Vorstellung von
Leben. Ein Puzzle, das seine vollkommene Logik hat, das in sich verstanden
werden kann, das von dem Menschen selber verstanden werden will. All die
Informationen und Mittel lenken im Grunde nur ab......von sich,
von der Beschäftigung mit den Kernfragen des eigenen Daseins. Hinter
schweren Krisen steht immer die Frage nach der eigenen Lebensaufgabe,
dem inneren Auftrag, dem Herzensanliegen, der eigenen Vision. Krank wird
der Mensch, der sich innerlich verloren hat, der sich nicht mehr kennt. Dann
erscheint ihm jede Äußerung seines Ichs fremd. Er beginnt im Außen nach Hilfe
zu suchen.
Der Mensch der modernen
Gesellschaft hat zwar die Welt gewonnen durch die Globalisierung, aber sich
selbst dabei verloren. Er kann überall hin reisen, nur nicht zu seinem eigenen
Inneren. Er kann zu jedem über Internet Kontakt aufnehmen, nur nicht zu seiner
eigenen Seele. Er findet keine Sicherheit in sich, er braucht andere, die ihn
versichern. Er braucht die tausend Dinge, weil er immer auf der Suche ist nach
Neuem. Dabei hätte er in sich alles was er braucht. Eigentlich ist schon alles da. Und das ist das Schwerste:
Nicht anderen, sondern sich selber die Fragen zu stellen. Die Antworten, die
gegeben werden, zu verstehen und zu akzeptieren, an die eigene Weisheit zu
glauben, an das Wissen, das in den eigenen Genen schlummert, Erfahrungen von Äonen.
Der Mensch der Moderne braucht
keine neuen Mittel, denn er hat in sich schon alles was er braucht. Was ihm
fehlt ist, zu sehen, zu erkennen und zu verstehen. Der Mensch der Moderne muss
dem Urmenschen in sich begegnen, der der Hüter des Körpers ist. Er kann die
Sprache des eigenen Körpers wieder lernen und so den Bedürfnissen des eigenen
Organismus das geben was er braucht. So werden keine Symptome und damit keine
Krankheiten entstehen müssen.
Es ist ein Weg zurück zum
eigenen Urwissen. Hilfreich sind hier Rahmenbedingungen, die ermöglichen, dass
Menschen sich auf den Weg zu sich machen können. Dabei braucht es keine Übungen
und Techniken. Es braucht keine Behandlung von Symptomen, die vom Betreffenden
ja selber erzeugt wurden. Vielmehr geht es um Fragestellungen, herauszufinden,
wie man selber das Symptom erzeugt und aufrechterhält. Die Aufgabe des
Therapeuten ist, aufmerksam zu machen für das eigene Sosein, um
das Verständnis für sich zu wecken. Die Schichten, die das eigene
Wissen bisher verdeckten, werden dabei langsam entfernt. Nicht der Seminarleiter
macht Angebote, sondern der Körper selbst wird angeregt sich zu äußern.
Der Therapeuten ist dann eher der Übersetzer der Körpersprache, wobei
der Betroffene selbst im Endeffekt über die wahre Bedeutung entscheidet. So
findet der Mensch inneres Wissen und gewinnt wieder Sicherheit in sich selbst.
Er wird unabhängig von äußeren Heilsaposteln, da er Zugang hat zu den
Selbstheilungskräften in sich.