Rundbrief Neue Wohnformen
Oktober 2009
Für viele Menschen ist die
Vorstellung, zusammen mit anderen zu wohnen, ein Wunschtraum. Vor allem für das
Leben mit kleinen Kindern oder im Alter bringt ein Miteinander von Geben und
Nehmen Entlastung für den Alltag
und mehr Lebensqualität.
Doch es gibt viele Menschen,
die sich wünschen in Gemeinschaft zu wohnen, die sich eine Realisierung aber
nur schwer vorstellen können, weil ihnen die eigene Erfahrung mit
gemeinschaftlichem Wohnen fehlt. Die normale Wohnform, in der sich niemand um
den Nachbarn kümmert, jeder für sich selbst verantwortlich ist, braucht kaum
soziale Fähigkeiten des Gesprächs, des Aufeinandereingehens. So befürchten
Menschen, bei mehr Nähe ausgenützt zu werden, nicht Nein sagen zu können,
immer nur für andere da sein zu müssen. Sie können sich nicht vorstellen,
genauso ihr Privatleben behalten zu können.
So wagen nur wenige Menschen
den Schritt in eine Gemeinschaft. Sie interessieren sich für gemeinschaftliches
Wohnen, schrecken aber zurück, wenn sich eine Gruppe bilden will.
Wohnen in Gemeinschaft
erfordert von jedem Bewohner vor allem soziale Fähigkeiten. Dazu gehört, die
Eigenwahrnehmung sowie Wahrnehmung des anderen. Jeder sollte in seinen Bedürfnissen
und in seiner Lebensart geachtet werden. Leben und Leben lassen. Im Miteinander
braucht es das Gleichgewicht von Geben und Nehmen. Dazu gehört, dass
Erwartungen klar formuliert werden und Absprachen getroffen werden. Jeder hat
grundsätzlich die Freiheit, auf Wünsche des anderen einzugehen, oder sie
abzulehnen. Leider gibt es viele Interessenten für gemeinschaftliches Wohnen,
die hauptsächlich für sich persönlich einen Vorteil erwarten und meinen, ohne
entsprechenden eigenen Einsatz Nutzen von einer bestehenden Gemeinschaft ziehen
zu können.
Gemeinschaft ist nicht einfach
vorhanden. Wenn Menschen, die sich nicht kennen, zusammenkommen, in
nebeneinanderliegende Wohnungen ziehen, sind sie Einzelpersonen, keine
Gemeinschaft. Erst wenn sie das
Haus, die Wohnung, in der sie wohnen, als gemeinsames Gut ansehen und sich
regelmäßig darum bemühen, ein Miteinander zu finden, sind diese Menschen auf
dem Weg zu einer Gemeinschaft. Freiwilligkeit ist hier Voraussetzung.
Gemeinschaft lebt von der gegenseitigen Sympathie. Wo der Einzelne gezwungen
ist, mit anderen zusammenzuleben auf Grund von Betreuung oder Pflege, kann sich
keine wirkliche Gemeinschaft bilden. Menschen in betreutem Wohnen leben genauso
wenig in einer Gemeinschaft wie die Bewohner eines Wohnblocks.
Gemeinschaft sind nicht die
anderen. Wer selbst nichts einbringt, kann keine Zugehörigkeit zu einer
Gemeinschaft erlangen. Gemeinschaft bildet sich durch den eigenen Beitrag. Wenn
nur wenige bestimmte einzelne Mitglieder der Gruppe Zeit und ihre Fähigkeiten
einbringen, dann kann keine Gemeinschaft daraus werden. Auch der Gruppenguru
verhindert wirkliche Gemeinschaft.
Gemeinschaft braucht Regeln.
Vorstellungen, wie man zusammenleben kann, gibt es viele verschiedene. Für
Gemeinschaften gibt es kein selbstverständliches Regelwerk, wie man sich zu
verhalten hat. Deshalb müssen sich
Menschen zunächst klar machen,
welches Regelwerk des Miteinanders sie bevorzugen. Wer hier feste Erwartungen
hat, muss sich die Menschen suchen, die genauso denken. Da es meist nicht
gelingt, andere zu finden, die genau den eigenen Vorstellungen entsprechen, ist
es eher zu empfehlen, flexibel zu werden, sonst wartet man noch in 20 Jahren auf
die richtigen Gruppenmitglieder. Oft sind diese Menschen auch nicht bereit, sich
auf andere einzulassen. Wer auf eigenen Prinzipien pauschal beharrt, blockiert
eine mögliche Gemeinschaftsentwicklung. Nicht Verhaltensregeln stehen im
Fordergrund, sondern der Mensch. Die Erarbeitung eines Regelwerks gehört zum
Prozess der Gemeinschaftsbildung. Regelmäßige Treffen, auf denen alle
Beteiligten die Möglichkeit haben, ihre Vorstellungen über die Regeln des
Zusammenlebens zu äußern, Kritik zu üben und gemeinsam praktikable Formen zu
suchen garantieren ein lebendiges Gemeinschaftsleben. Dafür braucht es ein
hohes Maß an sozialen Fähigkeiten.
Ø
Menschen, die alles gemeinsam mit anderen machen wollen.
Ein Irrtum ist. dass nur
Menschen in einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt leben können, die gerne ständig
mit anderen zusammen sind. In einer Wohnform, in der im Alltag Gemeinsamkeit
gelebt wird, ist es das Wichtigste, sich abgrenzen zu können, seine
Angelegenheiten zunächst alleine regeln zu können. Menschen, die nicht alleine
sein können, sind eine Belastung für andere. Gerade in der Nähe braucht es
vor allem die Fähigkeit der Rücksichtnahme,
der Beachtung der Bedürfnisse des anderen nach Privatsphäre, die
Wahrnehmung der Grenzen des anderen.
Ø
Menschen, die sozial eingestellt sind.
Ja, aber auch wenn man Tür an
Tür wohnt, möchte man sein Privatleben haben.
Unter sozialem Verhalten wird nicht verstanden, dass der andere ständig
nachgibt, dauernd für einen da ist. Wer das erwartet, wird enttäuscht werden.
Soziales Verhalten wird von allen Bewohnern gleichermaßen erwartet.
Ø
Menschen, die ganz bestimmte Regeln und Ordnungen kennen und einhalten
Darunter werden meist ganz
bestimmte traditionelle Verhaltensregeln gemeint, die als selbstverständlich
angenommen werden. Es gibt Menschen, die nach einem Verhaltenskodex leben, den
sie als Gesetz ansehen. Sie haben klare Erwartungen. Wo sich jemand nicht
entsprechend verhält, erntet er Entsetzen und Unverständnis. Leider gibt es
Menschen, die nur eine Art und Weise des Miteinander kennen. Sie haben
Gemeinschaft in der Familie erlebt, wo Regeln des Miteinander von vorneherein
klar waren. Traditionelle Rollenbilder bestimmen noch heute das Zusammenleben.
Dies ist jedoch nur ein Lebensstil von vielen möglichen.
Natürlich braucht es Regeln. Aber es gibt keine selbstverständlichen
Regeln, die automatisch ohne die Notwendigkeit, sie zu benennen, eingehalten
werden müssen.
Ø
Menschen, die Hilfe brauchen
Nein. Die Wohnung der
Mitbewohner ist keine
Beratungsstelle, keine Anlaufstelle für alle Notfälle. Wer hier erwartet
Hilfsbereitschaft zu finden, die jederzeit
und kostenlos selbstverständlich vorhanden ist, ist in einem Wohnprojekt nicht
am richtigen Platz. Niemand hat Lust, mit Menschen zusammen zu wohnen, die an
ihn ständig Erwartungen stellen. Gemeinschaftliches Wohnen ist auch kein
Familienersatz, in der man seine Mutterrolle oder Kindbedürfnisse ausleben
kann. In der Familie hat jede Person einen Anspruch an den anderen, in einem
Wohnprojekt ist jeder Einzelne zunächst selber für sich verantwortlich.
Zum Thema Gemeinschaftliches Wohnen gibt es auch einen Infobrief, der unregelmäßig verschickt wird mit Berichten über existierende Wohnprojekte im Umkreis. Hier werden auch die Termine über Infotage für Interessenten mitgeteilt.
Bei Interesse bitte eine Mail schicken: info@gesundheitsbildung-laschtuvka.de